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Der Nachtschicht-Fotograf

Der Finne Janne Lehtinen streifte ein Jahr nachts mit der Kamera durch seine Heimatstadt Kotka auf der Suche nach ihrer Seele – und dokumentiert, wie die Globalisierung Industriestädte verändert.

Sunila, erbaut in den 30er Jahren von dem Stararchitekten Alvar Aalto, galt einst als schönster Industriekomplex der Welt. Er symbolisierte Wohlstand und Wachstum einer glücklichen neuen Welt. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Janne Lehtinen, dessen Fotografien weltweit von Sammlern gesucht werden, hat Heimatstadt und Vater, selbst Schichtarbeiter dieser Papierfabrik, portraitiert. Die Fotografien sind nun als letzter Teil einer autobiografisch angelegten Buch-Trilogie erschienen. In Berlin zeigt die Gallery TaiK außerdem noch weitere Werke des Künstlers.

Ihr Vater muss ein sehr geduldiger Mensch sein. Hat er sich nach den langen Nachtschichten noch gerne vor Ihre Kamera gesetzt? Eigentlich sieht er aus, als läge er lieber im Bett und schliefe...

Er war nach den langen Nächten in der Fabrik mit Sicherheit sehr müde. Er musste ja auch erst noch mehrere Kilometer mit dem Fahrrad von der Arbeit nach hause fahren. Die Porträts habe ich immer gleich nach seiner Ankunft gemacht. Das Studio dafür habe ich in seiner chaotischen Garage aufgebaut. Er musste nichts weiter tun als sich für einen Moment hinzusetzen. Er musste weder posieren noch lächeln, sondern sollte einfach nur so müde aussehen, wie er war. Ich empfand häufig eine Art Einsamkeit, wenn er nach der Nachtschicht heimkehrte. Vielleicht gab ihm die Tatsache, dass es anders war als sonst, ein bisschen mehr Geduld.

Sie waren ein Jahr nächtelang bis zum Morgengrauen mit Ihrer Kamera in der Stadt unterwegs. Welche Idee steckte dahinter?

Ich habe die Stadt in den Nächten fotografiert, in denen mein Vater Schicht in der Fabrik hatte. Das war immer mindestens einmal im Monat, jeweils vier Nächte hintereinander. Anschließend um sechs Uhr morgens machte ich dann die Porträtfotos. Ich wollte eine abgeschlossene Serie machen, die einer bestimmten Methode folgte. Ort und Zeit für die Aufnahmen waren festgelegt. Ich hatte genau wie ein Schichtarbeiter einen klaren Rhythmus, dem ich folgen musste. Das Element des Zufalls begann beim Fotografieren eine entscheidende Rolle zu spielen. Schließlich wurde die Vorgehensweise bei dieser Serie für mich genauso, wenn nicht gar noch wichtiger als die Fotos selbst.

Wonach haben Sie dann gesucht?

Ich wollte etwas über diese ganz normale, ruhige Stadt erzählen. Sie wurde stark von der Papierindustrie geprägt und die Arbeiterkultur war tief in ihr verwurzelt. Im Zuge der Globalisierung haben sich diese Bindungen Stück für Stück aufgelöst. Das Ergebnis dieses Prozesses ist in der Umgebung sichtbar und in der Stimmung innerhalb der Bevölkerung spürbar. Die Leute sind orientierungslos, schauen verunsichert in die Zukunft und müssen sich ständig in andere Richtungen bewegen. Diese Entwicklung war in den letzten zwei Jahrzehnten ein allgemeines Phänomen in den westlichen Ländern. In meiner fotografischen Arbeit suchte ich nach Szenen, die diese Veränderungen zwar auf lokaler Ebene, aber dennoch mit globaler Bedeutung widerspiegeln. Daneben gab es aber auch persönliche Motive für die Serie. In meinen früheren Arbeiten habe ich autobiografische Themen verarbeitet, zum Beispiel die Suche nach den Bindungen zwischen Generationen und Gedanken aus der Kindheit. Die gleichen Themen setzen sich auch in dieser Arbeit fort.

Was haben Sie auf Ihren nächtlichen Streifzügen gefunden?

Künstlerisch gesehen war die Unternehmung während der meisten Zeit eine große Herausforderung. Da ich dort aufgewachsen bin, kannte ich schon fast alle Plätze und hatte auch nicht erwartet, dass mir die Stadt noch irgendwelche großen Überraschungen bieten würde. Mein bescheidenes Ziel war deshalb, bei meinen nächtlichen Streifzügen wenigstens jeweils eine interessante Szene oder ein irgendwie ungewöhnliches Motiv zu entdecken. Die habe ich zwar gefunden, aber wirklich eindringlich war die Erfahrung, durch die völlig leere Stadt zu ziehen. Fast jede Ecke dort hat für mich eine Bedeutung. Gleichzeitig weiß ich aber, dass dieser Ort sehr gewöhnlich ist und am Ende der Welt liegt, also überhaupt keine besondere Bedeutung hat. Man bekommt das Gefühl, dass, wenn hier jemals irgendetwas geschehen ist, dies schon vor sehr langer Zeit gewesen sein muss. Das macht melancholisch und gibt einem eine klare Vorstellung von Endlichkeit.

Wie muss man sich Kotka als Lebensort vorstellen?

Ein Freund und Kollege aus Frankreich, mit dem ich einmal durch Kotka gefahren bin, sagte, dass sie ihn an ein Lied der Pogues erinnere: „Dirty Old Town“. Das beschreibt die Stadt ziemlich realistisch.

Kotka – dazu gehört auch Karhula, wo ich alle Bilder gemacht habe – ist eine kleine Stadt an der Südküste Finnlands. Vor allem drei Dinge prägen sie: die Papierindustrie, der Hafen und die Nähe zur russischen Grenze. Sie verleihen der Stadt ein etwas raues Aussehen. Ich denke, diese kleinen Industriestädte findet man überall in Europa – ein bißchen traurig und melancholisch, mit nebliger Luft und Gestank aus den Fabriken. Aber Karhula hat noch etwas Besonderes zu bieten: Das Fabrikgelände Sunila wurde von dem berühmten finnischen Architekten Alvar Aalto entworfen. Es vermittelt eine besondere Atmosphäre, vor allem jetzt, wo die „glorreichen Tage“ dieser Region vorbei sind und die Gebäude dieses Gefühl von Vergessenheit verbreiten, auch wenn noch Menschen darin leben.

Finnland stellt man sich als sehr naturgewaltiges Land vor. In Ihrer Serie sieht man, wie Industrie und Zivilisation in die Natur eindringen oder sie verdrängen. Spielt das für die Menschen dort eine Rolle?

Nein, ich glaube nicht besonders. Das ist traurig, aber wahr. Industrie gibt den Menschen eine Grundlage, um dort leben zu können. Die Leute haben wahrscheinlich gelernt, dass in der Reihenfolge das Geldverdienen zuerst kommt, erst danach die Natur und andere Sachen. Aus Sicht der Natur ist das natürlich eine furchtbare Perspektive, und wir alle wissen, was das für unseren Planeten bedeutet. In meinen fotografischen Arbeiten spielt die Beschaffenheit von Natur innerhalb der Stadtlandschaft generell eine Rolle. Zerstörte oder von Zivilisation berührte Natur. Wie man mit der Natur umgeht, ist für uns momentan eine wichtige Frage. Es geht aber auch um menschliche Wesen, die ihre Spuren und Zeichen in der Natur hinterlassen, aus unterschiedlichen Epochen und von einzelnen Schicksalen.

Welchen anderen Künstler haben Sie am meisten geprägt oder sind für Sie von besonderer Bedeutung?

Larry Sultans ”Pictures from Home”, Richard Long, Andrei Tarkovsky, David Lynch und Ingmar Bergman.

Haben Sie schon ein neues Projekt?

Ja, in den letzten Jahren habe ich in Russland und den baltischen Ländern gearbeitet. Es geht um Angst und Kontrolle und hat viel mit der Sowjetunion und ihren starken Einflüssen auf die Nachbarstaaten - Finnland eingeschlossen - zu tun. Aber ich verarbeite dieses Thema entlang persönlicher Geschichten, die aus meiner Familienhistorie kommen.


Janne Lehtinen, „Night Shift“, Hatje Cantz Verlag, 2009

Das Interview führte Anna Wander, seen.by.


Copyright der Abbildungen: © Janne Lehtinen