Vergewaltigung gilt als persönliche Schande und führt oft zu sozialer Ächtung der Opfer. Dies erleben Tausende von Frauen in Ruanda, die 1994 von Hutu-Milizionären missbraucht und geschwängert worden sind. seen.by sprach mit dem Fotografen Jonathan Torgovnik, der sich dieser Frauen und ihrer Kinder angenommen hat...
Der 7. April 2009 ist der Tag, an dem sich der Beginn des Völkermords in Ruanda zum 15. Mal jährt. Er kostete innerhalb von knapp 100 Tagen etwa 800.000 Menschen das Leben. Zwischen 250 000 und einer halben Million Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt, viele dabei mit HIV infiziert. Der israelische Fotoreporter Jonathan Torgovnik hat Vergewaltigungsopfer interviewt und portraitiert, die von ihren Peinigern schwanger wurden - und gründete eine Organisation, die ihnen und ihren Kindern helfen soll.
Wie sind Sie auf das Thema mit den Kindern gekommen?
Angefangen hat alles im Jahr 2006. Ich reiste damals für eine Geschichte des Magazins Newsweek nach Ost-Afrika. Anlass war der 25. Jahrestag der Entdeckung der ersten HIV-Infektion. Eines der Themen dabei waren die Ruandischen Frauen, die während des Völkermords vergewaltigt und dabei mit HIV angesteckt wurden. Es ging um Vergewaltigung und HIV als Kriegswaffen. Eine Frau erzählte uns, was sie während des Genozids erlebt hatte, wie ihre ganze Familie ermordet wurde, erzählte nach und nach von den vielen brutalen Vergewaltigungen, die sie erlitten hat und dabei mit HIV angesteckt wurde. In dem Interview erwähnte sie aber auch, dass sie von den Vergewaltigungen schwanger geworden war und einen Jungen geboren hatte.
Da wurde mir klar, dass das hier kein Einzelschicksal sein konnte, sondern ein weit verbreitetes Phänomen sein musste. Für mich war dieses Interview das schrecklichste Erlebnis, das ich jemals hatte, ich war sehr schockiert. Ich beschloss damals, wiederzukommen und das Thema weiter zu verfolgen.
In welcher Situation sind die Frauen und Kinder heute?
Meine Recherchen ergaben, dass mindestens 20.000 Kinder aus Vergewaltigungen während des Genozids stammen. Das ist doch Wahnsinn! Es gibt heute also eine ganze Generation von Kindern in Ruanda, die mit dieser gemischten Identität und mit sehr komplexen Beziehungen zu ihren Müttern aufwachsen, die mit der Stigmatisierung umgehen müssen. Das betrifft natürlich ebenso ihre Mütter, die unter den Folgen dessen leiden, was sie durchgemacht haben. Sie sind auf mehreren Ebenen traumatisiert: In ihren Erinnerungen durch das, was sie erlebt haben, aber auch jeden Tag aufs Neue durch das Stigma der Vergewaltigung, mit HIV infiziert zu sein und darüber hinaus noch ein Kind der feindlichen Miliz zu haben. Sie sind wirklich isoliert, denn Vergewaltigung gilt in Ruanda als schwere Schande. Sie leben allein und bekommen keine Hilfe.
Was hat die Frauen bewogen, ihr Schweigen zu brechen?
Ich bin öfter nach Ruanda zurückgekehrt und konnte ihr Vertrauen gewinnen. Ich habe ihre Geschichten aufgezeichnet und die Frauen mit ihren Kindern zusammen fotografiert. Sie möchten, dass die Welt von ihrem Schicksal erfährt. Ihr Gefühl ist, dass sich niemand für sie interessiert und sich kümmert, dass niemand von dieser Katastrophe weiß.
Die Frauen waren sehr dankbar dafür, dass ich als Fremder gekommen bin, um ihre Erzählungen außerhalb von Ruanda publik zu machen. Aber ich musste ihnen versprechen, nichts innerhalb von Ruanda zu tun. Sie wollen nicht, dass die Leute in ihren Gemeinden davon erfahren - auch wenn es bereits viele wissen.
Sie haben immer die Frauen gemeinsam mit ihren Kindern fotografiert. Wie ist das Verhältnis der Frauen zu ihren Kindern?
Das ist sehr vielschichtig. Viele Frauen haben an Selbstmord gedacht, als sie ihre Schwangerschaft bemerkten. Sie meinten, aus dem was sie erlebt hatten, könne kein menschliches Wesen entstehen, sondern nur ein Monster. Doch wussten sie nicht, wie sie es anstellen sollten und wollten dann das Kind nach der Geburt aussetzen oder es töten. Man weiß nicht, wie viele Frauen das tatsächlich getan haben. Aber die Frauen, die ich gefunden habe, haben das Kind dann letztendlich doch großgezogen.
Die Reaktionen sind sehr gemischt. Einige sagen geradeheraus, dass sie ihre Kinder nicht lieben. Anderen sind ihre Kinder egal. Und einige lieben ihr Kind wirklich sehr, weil der Rest der Familie ermordet wurde und es das einzige ist, was ihnen geblieben ist. Sie leben für dieses Kind. Nun kommt noch dazu, dass die meisten Mütter ihren Kindern bisher noch nicht die Umstände ihrer Herkunft erzählt haben. Das macht es noch komplizierter. Die Mütter sind traumatisiert und wenn die Kinder sich – wie jedes Kind – schlecht benehmen, verbinden die Frauen das mit dem Vater des Kindes und reagieren auf eine Weise, die die Kinder nicht verstehen.
Den meisten Kindern, die halb Tutsi halb Hutu sind, sieht man die Herkunft physisch auch an. Das bereitet natürlich Probleme und stigmatisiert sie. Man sagt ihnen, dass ihre Väter Mörder waren. Zuhause erfahren sie die Wahrheit aber auch nicht, sondern, dass ihre Väter angeblich im Krieg gestorben sind. Irgendwann müssen die Frauen ihren Kindern die Wahrheit sagen. Sie sind jetzt 14 Jahre alt, stellen Fragen. Die Mütter wissen, dass sie sich ihnen anvertrauen müssen, fühlen aber auch, dass die Kinder dazu noch nicht bereit sind.
Wissen Sie, wie die Kinder mit der Situation umgehen?
Im Moment ist das noch nicht klar. Man weiß noch nicht, inwieweit die Kinder selbst traumatisiert sind oder sein werden. Die meisten Mütter enthalten den Kindern die Wahrheit noch vor. Es ist eher ihr Umfeld, das davon weiß. Die Kinder sind aber schon deshalb betroffen, weil sie mit ihren Müttern sehr isoliert leben und von sozialen Einrichtungen keine Hilfe erhalten. Erst in einigen Jahren wird man mehr darüber wissen.
Sie haben eine Organisation gegründet, die betroffene Frauen und Kinder unterstützen soll. Wie arbeitet sie?
Die Organisation kümmert sich bei den Kindern um eine weiterführende Schulausbildung und hilft den Müttern mit medizinischer Versorgung und psychologischem Beistand. An vielen Orten könnten die Frauen zwar Hilfe erhalten, aber sie nehmen sie nicht in Anspruch, weil sie ihre Erlebnisse nicht offenbaren möchten. Wir erklären ihnen also, dass sie bei uns Hilfe bekommen, ohne dass sie ihre Geschichten preisgeben müssen, dass diese vertrauliche Angelegenheiten sind.
Doch mein Hauptziel ist die weiterführende Schulausbildung. Wenn man die Mütter fragt, was ihre größte Hoffnung ist, dann ist es die Zukunft ihrer Kinder. Als erstes sagen sie oft Heiraten, wenn auch mehr ironisch gemeint. Leben bedeutet für sie, sich täglich durchkämpfen zu müssen, von einem auf den nächsten Tag zu leben. Sie sagen, „für uns ist Zukunft ein abstraktes Wort. Vor allem sehen wir auch keine richtige Zukunft für unsere Kinder, weil wir in einem schrecklichen Trauma stecken.“ Alle wünschen ihren Kindern eine vernünftige Ausbildung. Mich hat das verwundert, weil es sehr arme Frauen sind, ärmer noch als andere. Sie haben sich keine Kleider oder mehr Nahrung gewünscht, sondern sie erkannten den Wert, den eine Ausbildung für ihre Kinder haben könnte. Sie wissen, wenn dieses Kind zur Schule geht, kann es Fähigkeiten entwickeln, die es in der Zukunft überlebensfähig machen. Die Idee für diese Organisation kam also eigentlich von den Müttern selbst.
Was hält die Frauen am Leben, was gibt ihnen die Kraft, mit dem Alptraum zu leben?
Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Aber ich habe sie als die stärksten menschlichen Wesen erlebt, die mir je in meinem Leben begegnet sind. Ich bewundere wirklich ihre Kraft, ihre Belastbarkeit, ihre Schönheit. Manche haben mir gesagt, dass sie Selbstmord begehen wollten, aber sie leben weiter von Tag zu Tag. Menschen haben einen inneren Mechanismus, der ihnen beim Überleben hilft.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat sicherlich auch bei Ihnen Spuren hinterlassen. Was haben Sie von den Frauen gelernt?
Ich glaube, dass das ganze Projekt mein Leben verändert hat. Sowohl als Fotograf als auch als Mensch. Ich habe mit vielen Frauen Interviews gemacht und viel Zeit mit ihnen verbracht, habe gesehen wie sie überleben und sich um ihre Kinder kümmern. Sie haben trotz der tiefen Verletzungen ein Lächeln im Gesicht. Ich setze mich für sie ein, weil sie eine Stimme brauchen, der die Welt zuhört. Jemand musste dies tun. Einmal hat eine der Frauen nach dem Interview und den Aufnahmen zu mir gesagt, dass der Tag für sie wie ein Geburtstag war. Warum? Weil in den 15 Jahren nach dem Völkermord noch niemals irgendjemand zu ihr gekommen ist, um sie zu fragen wie es ihr ginge oder gar um ihr zu helfen. Die Tatsache, dass ein Fremder mit einem großen Auto sie besuchte, um mit ihr zu sprechen, hat ihr sogar innerhalb der Gemeinde zu mehr Ansehen verholfen.
Am 7. April 2009, dem 15. Jahrestag des Beginns des Ruanda-Genozids, fand im Gebäude der United Nations eine Gedenkveranstaltung statt, begleitet von der Ausstellung „Intended Consequences: Rwandan Children Born of Rape“ mit Fotografien und Interviews von Jonathan Torgovnik.
www.foundationrwanda.org
Das Interview führte Anna Wander, seen.by
Copyright der Abbildungen: © Jonathan Torgovnik