Es könnte eine Szene aus einem italienischen Film sein: Ein älterer Herr packt seinen Transporter, verstaut Gepäck, Frau, Kinder sowie Assistenten und fährt ans Meer. Allerdings sucht er sich kein ruhiges Plätzchen, sondern es zieht ihn dorthin, wo Massen anderer Menschen sein werden. Am frühen Morgen baut er ein fünf Meter hohes Podest auf, richtet seine Großbildkamera ein und verharrt stundenlang. Zehn bis fünfzehn Mal betätigt er dann über den Tag den Auslöser seines Apparats.
Viele von Massimo Vitalis riesigen, gestochen scharfen Fotoarbeiten ähneln mit ihren Menschenansammlungen Wimmelbildern, auf denen das Auge umherwandern kann, um immer neue Details und Gesichter zu entdecken. Menschen an Stränden, bei Veranstaltungen, in Diskotheken. Aufgenommen von einem erhöhten Standpunkt und auf Distanz. Und dennoch vermitteln die vielen kleinen Ereignisse und Szenen zusammen ein sehr genaues Bild unserer Freizeit- und Konsumgesellschaft.
Signore Vitali, wonach richten Sie sich beim Fotografieren?
Wenn ich fotografiere, dann ist das bestimmt gegen alle Regeln normaler Fotografen. Zuerst habe ich eine Idee und konzentriere mich dann ganz auf mein Thema. Dadurch ist es dann natürlich auch viel ausgereifter als es im ersten Moment erscheint. Es steckt doch immer ein bißchen mehr hinter den Bildern von den Stränden, Skipisten oder überfüllten Plätzen. Ich wähle Orte aus, die in meiner Recherche über unsere Gesellschaft eine Schlüsselfunktion haben. So gibt es immer nur ein fotografisches Projekt, mit kleinen Veränderungen von Zeit zu Zeit.
In welchem Augenblick drücken Sie auf den Auslöser?
Wenn die Dinge ausreichend kompliziert werden... Zum Beispiel das Bild am Strand von Cefalù in Sizilien. Der Platz, den ich gefunden habe, ähnelte diesen wunderbaren, am Wasser gelegenen Landschaften wie man sie im 18. Jahrhundert gemalt hat. Ich wollte diesen großen Felsen hinter dem Strand haben, davor das Dorf mit den Häusern direkt am Meer und die Menschen. Kommt man morgens, dauert es eine Weile bis sich der Strand füllt. Dahinter gibt es einen Platz mit Verkaufsständen. Auch dort Menschen. Ebenso an den Fenstern der Häuser. Wenn dann mit der Zeit ein ausreichendes visuelles Rauschen entsteht, wenn sich also die kleinen Ereignisse häufen, mache ich das Bild. Je mehr Klein-Ereignisse sich ergeben, desto zufriedener bin ich. Ich mache es nicht, weil etwas ganz Bestimmtes geschieht.
Was haben Sie dann dort beobachtet?
Wenn es etwas gibt, das meine Fantasie anregt, dann folge ich ihm auch in gewisser Weise. Bei dem Bild von Cefalù fesselte eine kleine Gruppe meine Aufmerksamkeit: Eine Familie, drei Generationen, darunter eine Großmutter, die sie mitgebracht hatten und die in meiner Vorstellung vielleicht noch nie in ihrem Leben im Meer gebadet hatte. Das schien mir interessant, ist jedoch eine Kleinigkeit, die nur ich sehe. Im Bild selbst hat es nur eine partielle Bedeutung und steht neben anderen Dingen: jemand der raucht, ein anderer der liest oder das Meer betrachtet, wieder jemand der in die Wellen eintaucht, jemand der Ball spielt...
Auch wenn für mich eine Person wichtiger ist, so muss sie immer im Kontext anderer Dinge stehen, die gerade passieren. So ist doch auch unser Leben. Ich reagiere damit auch auf die Art des Fotografierens, die wir sonst gewohnt sind: mit etwas Schockierendem oder sehr Wichtigem im Mittelpunkt. All das zählt nicht. Die vielen Jahre als Fotoreporter haben mich gelehrt, dass das nicht stimmt.
Wenn Sie fotografieren, dann immer Menschen in ihrer Freizeit.
Ja, klar, weil ich denke, dass dies ein Moment ist, der einem das Verhalten der Leute leichter verständlich macht. Sie sind freier sich so zu verhalten, wie sie wollen, sie sind nicht irgendwelchen Konventionen unterworfen. Im Grunde sammle ich Material für ein Studium, das auch ein Soziologe in zehn oder fünfundzwanzig Jahren machen könnte, um unsere Gesellschaft von heute besser zu verstehen. Nur dass ich keine Daten sammle, sondern Bilder.
Mir scheint, dass auf den neueren Bildern weniger Leute zu sehen sind, dafür aber die Landschaft an Bedeutung gewinnt.
Mir ist tatsächlich in letzter Zeit die fantastische Landschaft wichtiger geworden. Sie ist schwer zu finden. Am Anfang waren die Landschaften fast bedrohlich, Strände mit einer Stadt, mit Häusern oder Fabriken. Auf jeden Fall war die Landschaft im Verhältnis zu den Personen einigermaßen wichtig und konnte in einem widersprüchlichen Kontext stehen. Nun habe ich diese Widersprüchlichkeit auf eine andere Ebene gehoben. Die Serie, an der ich gerade arbeite, beschäftigt sich nach wie vor mit Menschen in ihrer Freizeit am Strand oder anderswo. Aber die Landschaft im Hintergrund ist viel ungewöhnlicher. Sie könnte ebenso gut eine fantastische Landschaft sein, wie sie in Historiengemälden des 17. und 18. Jahrhunderts vorkommt.
Ich möchte ergründen, was von der Fantasie der idealisierten, arkadischen Landschaft übriggeblieben ist, wie sie sich durch den Gebrauch der Menschen heute verändert. Ich mache die Unterscheidung der Zeit. Eine Landschaft, welche die Personen ein wenig aus der heutigen Zeit herausnimmt. Es entsteht dann dieser Kontrast zwischen der nicht zeitgenössischen Landschaft und der Gleichzeitigkeit ihres Gebrauchs in der Freizeit.
Welche Fotografien werden in Amsterdam ausgestellt?
Dort sind Bilder aus der aktuellen Serie „Capricci“ mit den fantastischen Landschaften zu sehen. Dann Fotografien, die ich vor zwei Jahren auf Sizilien gemacht habe und die zwischen den klassischen und den neueren Werken angesiedelt sind. Ein älteres, vierteiliges Bild mit einer Länge von sieben Metern, das aus der Sammlung Eon aus Düsseldorf stammt. Des weiteren Fotografien aus der Discotheken-Serie, die ich ab und an mache. Ein Werk habe ich für ein spanisches Museum hergestellt. Es trägt den Titel „Benicassim“. Alles in allem eine umfassende Werkschau der letzten Jahre.
Stimmt es, dass Sie auch in Berlin leben?
Ja, von Zeit zu Zeit. Mir gefällt der Osten. Berlin ist eine leere Stadt. Sie ist nicht so voll wie Mailand. Zumindest in Berlin-Mitte, wo ich wohne, ist es ruhig.
Das Interview führte Anna Wander, seen.by.
Massimo Vitali wurde 1944 in Como geboren und studierte in Mailand und London. Er arbeitete als Fotoreporter, einige Zeit als Kameramann für Kino und Werbung, um dann schließlich mit der Großformatkamera die Freizeit- und Konsumkultur einzufangen. Mit seinen Strandbildern gelang ihm Anfang der 90er Jahren der internationale Durchbruch. Heute zählt er zu Italiens erfolgreichsten Künstlern. Seine Werke hängen in Museen und Sammlungen weltweit.