Die Jugendlichen der Pariser Vororte, die Nicolas Sarkozy im Herbst 2005 als Innenminister niederknüppeln ließ, erobern als Hauptdarsteller des Fotografen Mohamed Bourouissa nun Galerien und Museen.
Junge Männer in Trainingsanzügen lungern in Gängen grauer Betonbauten, ein halbnackter Afrikaner wird in einer Wohnung verhaftet, zwei Jugendgangs treffen auf einem Parkdeck aufeinander – Szenen wie sie der französische Alltag von Großstadt-Vororten entwirft, wo vor allem die Zuwanderer zu Hause sind, voller Trostlosigkeit, latenter Aggression, Langeweile. Der junger algerisch-französische Mohamed Bourouissa verarbeitete das Thema von 2004 bis 2008 in seiner Fotoserie „Périphéries“, die nach Ausstellungen in Frankreich, Polen, den Niederlanden und Großbritannien nun nach Finnland, Brasilien und in die Schweiz tourt.
Was auf den ersten Blick eher wie eine Reportage anmutet, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als eine kunstvolle Inszenierung von alltäglichen Situationen. Bourouissa beobachtet genau. Er ist mit den Jugendlichen zusammen, studiert ihr Verhalten, ihre Körpersprache. Er entwirft Skizzen, arbeitet Szenen heraus und komponiert dann die Bilder, die manchmal an alte Gemälde erinnern. In seinen Motiven greift er Klischees auf, distanziert sich aber im gleichen Augenblick wieder von ihnen: Er lädt die Fotografien mit einer subtilen Spannung auf, die sich über Gesten und Blicke der Protagonisten vermittelt, und bettet diese sorgfältig in den sie umgebenden Raum ein. Die Bilder transportieren gleichzeitig Vertrautheit wie Fremdheit, Nähe wie Distanz. Sie spiegeln die Realität in der Fiktion, aber sie klagen nicht an.
Die Vielschichtigkeit dieser Fotografien hat den Verdienst, dass sich sowohl die betroffenen Jugendlichen in diesen Fotografien wiederfinden, aber ebenso die Kunstszene bedient. Die Banlieues erobern die Kunst!
Was interessiert Sie am Thema der Banlieues?
Ich komme selbst aus einer Banlieue, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich dieses Thema gewählt habe. Viele Leute um mich herum kommen aus diesen Vororten. Dort kristallisieren sich sehr stark die Identitätsprobleme der Zuwanderer und die politischen Konflikte heraus. Aber ich glaube, dass meine Arbeit vor allem die Antwort auf eine künstlerische Überlegung darstellt. In der Geschichte werden Arbeiterviertel meistens soziologisch oder dokumentarisch dargestellt, und ich versuche eben dies auf künstlerische Weise zu tun.
Wie haben Sie Ihre Überlegungen umgesetzt?
Ich versuche Gegenstände oder Situationen aus der Wirklichkeit in Kunstobjekte umzuwandeln, indem ich ihre anfänglichen Erscheinungsformen überwinde. Ich stütze mich auf eine Kunstform, die man als „emotionale Geometrie“ bezeichnen kann. Darunter verstehe ich zwei grundlegende Aspekte meiner Arbeit: Komposition und Inszenierung von Spannung durch das Spiel von Blicken und Kräfteverhältnissen im Bild.
Wann sind Sie mit einem Bild zufrieden?
Wenn ich ein Bild fertig habe, weiß ich noch nicht, ob es gut geworden ist. Für mich muss ein gelungenes Bild Zeit überdauern können. Bevor ich sie ausstelle lasse ich die Fotografien deshalb mehrere Monate in meinem Atelier hängen, um sie so dem Test von Zeit und Gefühl zu unterziehen. Die Bilder müssen reifen und standhalten. Ich prüfe, ob ein Bild stimmig ist, mehrdeutig und ausdrucksstark, sowohl auf der Ebene der Komposition als auch auf der des Inhalts. Für „Périphéries“ habe ich letztendlich nur 25 Bilder ausgewählt, obwohl ich ursprünglich insgesamt 30 gemacht hatte.
Wie haben Sie mit den Jugendlichen gearbeitet?
Die meisten Leute kenne ich. Der erste Kontakt entsteht oft über einen Bekannten und über ihn treffe ich andere Leute, mit denen ich Zeit verbringe, damit sie mich akzeptieren. Ich zeige ihnen meine ersten Bilder. Doch am meisten bedeutet mir die Intensität in der Begegnung, sodass ich auch Lust aufs Fotografieren bekomme. Ich mache einige Aufnahmen, die ich dann bei mir zu Hause analysiere. Ich entwerfe eine Szene, d.h. ich zeichne sie für die Umsetzung als Fotografie. Je nachdem wie viele Darsteller mir zur Verfügung stehen, stelle ich mit zwei oder drei Menschen die Situation an einem beliebigen Ort nach, um sie mit der Idee abzugleichen. Erst danach kehre ich an die eigentlichen Handlungsorte zurück und bitte die Leute dort eine Szene nachzuspielen und sich im Raum zu platzieren. Gelegentlich kann es auch passieren, dass eine vom Darsteller vorgeschlagene Geste besser ist als in meinem Entwurf. Man muss also auch immer offen sein für diese kleinen Improvisationen, die das Foto vielleicht stärker machen.
In welchem Verhältnis stehen die kompositorische Harmonie und das konfliktgeladene Thema?
Ich würde sagen, dass das Gleichgewicht aus dem sehr subtilen Verhältnis von reellem Hintergrund und der Gestaltung entsteht, jede Geste oder Begebenheit im Bild muss Sinn machen im Zusammenhang mit dem fotografierten Raum.
Ihre Bilder sind teilweise wie alte Gemälde komponiert. Woher kommt dieser Einfluß?
Der kommt von meinem Studium der Kunstgeschichte an der Universität. Aber auch daher, dass ich während meiner Ausbildung Zeichnung und Malerei studiert habe.
Which other artists are significant for you and your work?
Welche anderen Künstler sind für Sie oder Ihre Arbeiten von besonderer Bedeutung?
Es handelt sich nicht unbedingt nur um Fotografen, auch wenn ich mich von den Werken von Philip-Lorca DiCorcia, Alberto Garcia Alix oder Paul Pouvreau, von den Bechers oder Thomas Ruff angeregt fühle. Meine Arbeit wird hauptsächlich von zwei Strömungen beeinflusst. Einerseits von der inszenierten Fotografie, und noch stärker konzeptionell arbeitend, der Schule um Jeff Wall; andererseits von Leuten, bei denen das Menschliche im Mittelpunkt steht, wie bei Nan Goldin oder Alberto Garcia Alix. Ich versuche beides zu vereinen, indem ich die enge Beziehung zu den Leuten mit der Distanz schaffenden Inszenierung verbinde. Ich mag auch Künstler, die sich Installationen widmen, wie Claude Lévêque oder Kader Attia, mit dem ich gearbeitet habe.
Welches ist Ihr aktuelles Projekt?
Ich beende gerade noch eine Arbeit über den französischen Knast. Auch hier geht es um Inszenierungen, die jedoch mit und über Handys im Gefängnis gemacht wurden. Ich erhielt Aufnahmen, die ich wiederum überarbeitete und per Telefon zurück ins Gefängnis schickte. Ich gab den Inhaftierten Anweisungen, eine Art Aufgabenheft. Diese Arbeit beruht auf Austausch und war über die Distanz nur sehr schwer herzustellen. Das Vorhaben wurde aber so gut angenommen, dass es von den Institutionen nicht kontrolliert wurde.
Welche Ihrer Fotos aus dieser Serie bedeuten Ihnen am meisten?
Für mich sind alle gleich wichtig. Ich denke, dass jedes Bild seine besondere Bedeutung hat und einen besonderen Zustand herauskristallisiert. „La fenêtre“ (Das Fenster) ist eines der ersten Bilder, die ich gemacht habe, aber auch „La République“ ist wichtig, weil es ein richtigen philosophischen Gedanken enthält. Mir fällt aber auch das Motiv „Carrée rouge“ (rotes Rechteck) ein, das dadurch sehr plastisch wirkt, weil es drei Räume umschließt.
Zur Person
Mohamed Bourouissa wurde 1978 in Algerien geboren und studierte an der Kunsthochschule in Paris, wo er 2006 sein Diplom ablegte. Er lebt und arbeitet in Paris.
Das Interview führte Anna Wander, seen.by
Copyright der Abbildungen: © Courtesy Galerie Les filles du calvaire, Paris/Bruxelles