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Das Geheimnis weiblicher Schönheit

In Haute Couture oder hüllenlos: vor seinem Objektiv posieren sie gerne, die Topmodels wie Kate Moss und Naomi Campbell oder Stars wie Catherine Deneuve. Paolo Roversi, der zu den gefragtesten Modefotografen weltweit zählt, interessiert sich nicht für oberflächliche Ästhetik, sondern sucht in seinen Porträts nach der rätselhaften Anmut seiner Modelle...

Stil, Schönheit und Poesie sind die unverkennbaren Markenzeichen der Bilder des seit 35 Jahren in Paris lebenden Italieners. Oft scheinen die zerbrechlichen Geschöpfe seiner Modestrecken einem Gemälde Edouard Manets entsprungen, gehüllt in die Haute Couture eines Christian Dior, Givenchy oder Yves Saint Laurent. Dann wieder steht eine grafische und kompositorische Strenge im Vordergrund, die an die Künstler der Moderne erinnert. Dieses Element nimmt Paolo Roversi auch in den Aktstrecken "Natalia" und "Guinevere" auf. Mit ihren Sepiatönen und dem focussierten Licht gleichen sie einer Reminiszenz an die erotischen Daguerreotypien. Doch welches Motiv Paolo Roversi auch immer wählt, die Aufnahmen haben eines gemeinsam: Sie sind eine kompromisslose Huldigung an die perfekte Ästhetik.

Signore Roversi, was bedeutet weibliche Schönheit für Sie?

Ich habe dafür keine genaue Erklärung oder Definition. Ich möchte auch gar keine finden, sondern sie in meinen Bildern eher wie einen Traum beschreiben oder erspüren. Die Suche nach der weiblichen Schönheit beschäftigt mich seit jeher. Sie birgt ein Geheimnis für mich. Ich liebe ihre rätselhafte und verführerische Erscheinung. Diesen Zauber in meinen Bildern zu zeigen und zu bewahren treibt mich bei meiner Arbeit an.

Gibt es einen Teil des Körpers, der sie besonders fasziniert?

Die Augen, ganz besonders die Augen. Sie sind der Spiegel der Seele. In ihrem Blick drückt sich die innere Schönheit aus. Und das Innere drückt das eigentliche Wesen des Menschen im Äußeren aus.

Sie fotografieren für die berühmtesten Modemacher der Welt. Welcher Aspekt steht bei diesen Arbeiten im Vordergrund: Das Model oder die Mode?

Es gibt für mich keine Skala, nach der ich mich richte oder abwäge. Beides ist wichtig. Aber das Entscheidende ist das Porträt. Es bedeutet für mich immer wieder aufs Neue ein Fest der Sinne, den Charakter, Geist und die Eleganz eines Gesichts in einer besonderen, magischen Stimmung einzufangen.

Wie schwierig ist es, Ihre unverwechselbare Handschrift gegen aktuelle modische Trends in der Fotografie durchzusetzen?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Natürlich hat die Mode eine kommerzielle Seite. Gleichzeitig inspiriert sie auch. Sie sagt viel über die Person aus, die sie trägt. Sie kann damit selbst bestimmen, wie sie wirken möchte: romantisch, poetisch, verträumt oder manchmal auch ein bisschen verrückt.

Warum arbeiten Sie fast ausschließlich mit einer 8x10 Zoll-Polaroid-Kamera?

Es ist wie bei einem Maler, der seine Pinsel liebt oder einem Violonisten, dem eine bestimmte Geige viel bedeutet. Diese Kamera ist genau das richtige Instrument für mein Werk. Das bin ich. Mit ihr kann ich am besten ausdrücken, was ich möchte. Ich liebe das Format, ihre Größe. Ich kann mit beiden Augen gleichzeitig durchschauen, ein Bild nach dem anderen machen und es sofort betrachten. Das Foto ist ein reales, einzigartiges Objekt, das sofort entwickelt aus der Kamera erscheint. Außerdem liebe ich die Eigenständigkeit der Technik. Wie sie den Kontrast und das Aussehen bestimmt, ihre unwirklichen Farben. Sie lässt kein perfekt bestimmbares Ergebnis zu. Genau die Unwägbarkeiten und Missgeschicke, die sie verursacht, liebe ich an ihr.

Viele Ihrer Bilder erinnern in der Verwendung des Lichts an die Gemälde alter Meister.

Fotografie ist Licht. Es ist für mich das wichtigste Element in meiner Arbeit. Ich bevorzuge natürliches Licht, das durch das Fenster fällt. Licht bedeutet Leben. Wenn ich darüber nachdenke, denke ich zuerst an die Sonne. Aber auch künstliches Licht hat seinen Reiz. Mit ihm kann man besser eine verführerische Stimmung erzeugen.

Wer sind Ihre Lieblingsmaler?

Viele, viele, und aus den unterschiedlichsten Epochen. Ich habe eine lange Liste. Man bräuchte mindestens drei Stifte, um sie alle aufzuschreiben. Ganz besonders mag ich die klassischen Gemälde und Skulpturen der Renaissance, ihre Vollkommenheit, Grazie und Harmonie. Aber auch die Stile des 19. Jahrhunderts und die zeitgenössische Kunst sind sehr reizvoll.

Wie sehen Sie die Veränderung der Fotografie durch die digitale Technik?

Ich finde sie großartig. Sie gibt dem Fotografen neue und ungeahnte Möglichkeiten, anders als alles bisher Dagewesene. Sie geht komplett neue Wege. Natürlich bin ich in einer anderen Welt groß geworden, die glücklicherweise meine Art zu fotografieren liebt.

An welchem Projekt arbeiten Sie zur Zeit?

Ich bereite gerade drei Bücher vor, eine kleine Enzyklopädie der Frauen mit Fotografien von Guinevere, Natalia und Naomi Campbell.

Paolo Roversi, "Guinevere van Seenus" (Schirmer/Mosel, August 2009)

Zur Person:

Der 1947 in Ravenna geborene Paolo Roversi lernte als Assistent eines örtlichen Fotografen alles, was er über Belichtung wissen musste. Seine Karriere begann 1970, als er für eine Fotoreportage zum Begräbnis des amerikanischen Dichters Ezra Pound in Italien geschickt wurde. Später begegnete er Peter Knapp, dem damaligen Art-Direktor der französischen Elle. Auf dessen Einladung hin reiste der junge Fotograf nach Paris - und blieb. Er fotografierte u.a. Kampagnen für Cerruti, Valentino, Christian Dior, Yves Saint-Laurent. Heute gehört er mit seinen Bildstrecken in Hochglanzmagazinen wie Harper's Bazaar, I-D, Marie-Claire, The New York Times Magazine, Vogue oder Elle zu den renommiertesten Modefotografen der Welt.

© aller Abbildungen: Paolo Roversi

Das Interview führte Sabine Tropp.