Herr Johanssen, was bedeutet für Sie "contemporary illustrative art"? Das ist eine neue Strömung in der Kunst. Anders als die klassische Illustration mischen sich in ihr Einflüsse aus Comic, Graffiti, Mode, Werbung, Set Design für Computerspiele oder Animation. Diese Form von illustrativer Kunst ist geprägt durch die Aufnahme unterschiedlichster kreativer Impulse und kann eben Design oder auch Kunst sein.
Was heißt das für den althergebrachten Begriff "Illustration"?
Er ist nicht falsch, aber zu einseitig besetzt. Der gängigen Definition nach ist eine Illustration ein Bild, das einen Text erläutert. Es steht nicht für sich. Daher wird die Illustration in der bildenden Kunst oft als Gegenpol zur freien Kunst gesehen und als "handwerklich gebunden" abgewertet. Diese Haltung zweifelt der Begriff "contemporary illustrative art" an: Die Vorstellung einer freien Kunst, die auch heute in der Kunstwelt wie ein Gesetz behandelt wird, ist ja selbst eine Fiktion, die von der Etablierung als artes liberales in der Renaissance bis zur vermeintlichen Zweckfreiheit der Kunstmodernismen reicht. Diese Fiktion geben wir auf.
Woran erkennt man die neue Richtung? Wo liegt die Grenze zur bildenen Kunst, wo zum Grafikdesign?
Ein Erkennungsmerkmal der neuen illustrativen Kunst ist sicherlich die handwerkliche Prägung, die noch aus der Illustration kommt, aber heute darin besteht, dass die Möglichkeiten der analogen und digitalen technischen Mittel voll ausgereizt werden. Während Grafikdesign oder Medienkunst heute fast ausschließlich auf dem Rechner entstehen und Malerei seit jeher auf Leinwand, stößt die illustrative Kunst in die Zwischenräume vor und nimmt sich das Beste aus beiden Welten. So entstehen hybride Mischtechniken, bei denen man am Ende nicht mehr sagen kann, wie das Bild überhaupt entstanden ist. Neben dieser technischen Komponente gibt es aber auch eine inhaltliche. Baudelaire sprach einmal in einem Essay über den Illustrator Constantin Guys von "Illustratoren als Maler des modernen Lebens". Er sah in ihnen die besondere Fähigkeit, "Themen der Straße" bildnerisch einzufangen und die Modernität der jeweiligen Zeit griffig in Bilder zu übersetzen. Ähnliches kann auch für die heutige Illustration gelten – sie liefert den Bilder-Sound unserer Zeit.
Worum geht es bei der Wiederentdeckung der Illustration?
Es geht um eine neue Ästhetik in der bildenden Kunst. Wir haben in den letzten Jahren zahllose Theorien gehört und über diamantenbesetzte Totenschädel gestaunt (Damien Hirst "For the Love of God, Shine", Anm. d. Red.) Hier ist, wie generell in den letzten 30 Jahren, einzig die Idee, die hinter dem Kunstwerk steht, der führende Qualitätsmaßstab für zeitgenössische Kunst. Das unter anderem deshalb, weil eine gute Idee sich in den medialen Raum des Marktes verlängern lässt. Die illustrative Kunst, die außerhalb des Kunstmarktes entstanden ist, knüpft wieder an den Werkgedanken an. Das ist eine neue Wendung.
Die Illustrationskunst hat den gewissen Vorteil, dass sich mit ihr auch Geld verdienen lässt. Welche Branchen sind es, die auf Illustrationen setzen?
Es gibt in der Tat einen wachsenden Markt für Illustrationskunst, auch wenn er noch klein und unterbewertet ist. Bislang sind die Käufer und Interessenten vor allem Menschen mit einem besonderen Gespür für Design und der Fähigkeit, die Innovativität der illustrativen Kunst zu erkennen: Architekten, Gestalter, Internetunternehmer usw. Bestimmte Einflüsse, wie z.B. aus der Computerspielästhetik, wird nur derjenige wertschätzen können, der sie auch versteht. Es ist wie bei allem Neuen: Um es zu verstehen zu können, braucht man Vorwissen.
In Werbung und Corporate Design wird die Illustration immer gefragter. Warum? Illustrationen sind emotional. Mehr als es Fotografien sein können, weil sie per se die Realität abbilden – abgesehen davon hat man mittlerweile zu viel Fotografie gesehen. Der Illustrator hat die Möglichkeit, eine künstlerische Note in sein Werk einzubringen: Er ist Maler des modernen Lebens. Er kann sich Einflüssen aus Comic, Graffiti, Musik und vielem mehr bedienen. Dadurch wird ein Zeitgefühl viel stärker kommuniziert . Seitdem Firmen auf ein emotionales Marketing achten, ist auch die Illustration auf dem Vormarsch.
Im Fokus ihrer Werkschau stehen die Arbeiten einer jüngeren Illustratoren-Generation. Was zeichnet diese Generation aus?
Ein neues Selbstbewusstsein. Olaf Hajek, einer der deutschen Vertreter auf der Illustrative, sagte neulich in einem Interview auf die Frage, ob sich die Illustration jetzt neuerdings in Richtung der freien Kunst bewege, dass wohl das Umgekehrte der Fall sei: Dass sich nämlich die freie Kunst in Richtung Illustration bewegt. Ich glaube, er hat recht.
Wo liegen die Unterschiede zur Generation vorher?
Die Vorgängergeneration wird für mich repräsentiert durch Illustratoren vom Schlage eines Tomi Ungerer. Das waren eigenwillige, charismatische Zeichner. Sie standen der politischen Karikatur nahe, was auch den damals üblichen Einsatzfeldern der Illustration entsprach. Heute sind Illustratoren vor allem Avantgarde, was die Anwendung innovativer Gestaltungsmittel angeht. Und wenn sie richtig gut sind und ihre eigene Position gefunden haben, können sie auch die künstlerische Avantgarde sein.
Wie ist der Anteil an digitaler und analoger Illustrationskunst?
Etwa 50:50. Allerdings ist es schwierig, eine wirkliche Trennung vorzunehmen. Der Zeichner Tim Dinter zum Beispiel skizziert seine "Stadtansichten" analog auf Papier, scannt dann die Zeichnung ein und schiebt in "Photoshop" stundenlang die Layer und die Kolorierung eines Bildes hin und her bis alles perfekt ist. Danach wird entweder analog gesiebdruckt oder wieder gezeichnet, diesmal nach der digitalen Vorlage. Ist das jetzt analog oder digital produziert? Ich weiß es nicht. Aber es ist spannend, weil eine neue Ästhetik entsteht.
Neben der Illustrations-Ausstellung gibt es bei der diesjährigen Illustrative vier weitere Sektionen: Book art + Sketchbook, Fashion Illustration + Wallpaper, Audio-Visual Illustration, Animation Film + Set Design. Welcher Sektor von diesen ist für Sie der spannendste?
In allen Bereichen geschehen interessante Dinge: In der Buchkunst-Sektion sehen wir schöne, zeitgemäße Bücher. Die Modeillustration zeigt, dass hier die Illustration nichts abbildet, was schon da ist, sondern einem Entwurf entspricht, der – im Gegensatz zur technischen Zeichnung – eine ganz eigene Atmosphäre entwickeln muss. In der audio-visuellen Illustration zeigen wir eine Strömung, die irgendwo zwischen dem VJing und der Medieninstallation liegt; hier wird viel mit Licht experimentiert, wie z.B. beim Laserpainting. In der Sektion Animation und Set Design kommt das szenografische Element der Illustration zum Einsatz.
In welche Richtung bewegt sich die Illustrationskunst im Moment? Game Art wird kommen. Darunter verstehe ich eine Kunstrichtung, die nicht nur – wie damals Eboy – die Computerspielästhetik kopiert, sondern die grafischen, narrativen und technologischen Mittel nutzt, die mit und durch Computerspiele möglich sind. Da wird etwas Neues entstehen.
Sie haben auch einen Nachwuchswettbewerb der Illustrative ausgerufen. Welche Trends lassen sich an den Einsendungen ablesen?
Im Moment ist es spannend zu beobachten, wie Illustrationen abstrakter funktionieren können. Traditionell ist Illustration relativ figürlich. Mittlerweile kennen wir aber das schlichte Herunterzeichnen von Bildern. Es stellt sich somit die Frage, wie Illustratoren es schaffen, Bilder etwas abstrakter zu übersetzen. Es gibt nur wenige, die das können – doch es ist die Herausforderung, die sich in Zukunft stellen wird.
Welche sind Ihre persönlichen Highlights der Ausstellung? Alle Künstler belegen eine völlig eigenständige Position. Ich greife einmal willkürlich zwei heraus: Jeanne Detallante, weil sie als Modeillustratorin zeigt, dass Modeillustration nicht süßlich sein muss, sondern ziemlich cool sein kann. Und Roman Bittner, weil er die "Retro-Pixel-Grafik" erfunden hat, aus der er monumentale, utopische Städte in "Freehand" baut. Aber das ist ja schon fast Bildhauerei.
Pascal Johanssen ist kein Künstler. Er sieht sich eher als Entdecker. Der Kurator der Illustrative (geb. 1973) studierte Rechtswissenschaften und arbeitete als Innovationsforscher im Fachbereich Design an der Berliner Universität der Künste. Seinen Weg zur Illustration fand er über den Comic. 2005 gründete er eine eigene Galerie, zunächst für Skulptur und Malerei, die mittlerweile ihren Schwerpunkt auf zeitgenössische Grafik, Illustration, Fotografie und Buchkunst legt. Die Idee zu einem Illustrationskunst-Festival kam Pascal Johanssen über Nacht und ließ ihn seitdem nicht mehr los: 2006 stellte er in Berlin die erste Illustrative auf die Beine. Dieses Jahr präsentiert sich die Werkschau, die sich als europäische Ausstellung versteht, zusätzlich in Paris. 2008 wird die Illustrative auch in Barcelona und Moskau gastieren.
www.illustrative.de
www.johanssen-gallery.com
Das Interview führte Dorothea Grass.