Freistil hat sich als umfassendes Kompendium mittlerweile zu so etwas wie der „Bibel“ der Illustration entwickelt. Steckt hinter dem Buch auch ein missionarisches Bestreben?
Missionarisch ist so ein fettes Wort. Aber es ging schon darum, irgendwie die Illustratoren zu disziplinieren und zu strukturieren, um es mal ganz ehrlich zu sagen. Es gibt ja Fotografenkataloge, Bildagenturen und Websites – alles sehr gut aufbereitet und du kannst dir aus dem Schicksten was aussuchen. Allein, wenn du dich dem Thema Illustration zuwendest, landest du in Verlagen und Agenturen bei diesem Schuhkarton, in dem sich so kleine farbkopierte Heftchen sammeln.
Das klingt sehr nach Ende der 80er.
Nein, das ist genau sechs Jahre her. Ich war damals bei einer Zeitschrift beschäftigt und habe das Heft relauncht und hatte einfach diese Situation, dass es nichts gab – jedenfalls nichts für deutschsprachige Illustratoren.
Mittlerweile hat doch jeder Illustrator seine eigene Website.
Ja, aber woher kennst du die, wo findest du die? Es gibt zwar auch www.illustratoren.de und da hast du dann siebentausend Illustratoren und einer ist schlimmer als der andere und selbst, wenn da zehn gute drin wären, die findest du gar nicht. Das ist ja das Problem: Wer sortiert die Qualität, wer redigiert Inhalte? Alle freuen sich über riesen Zugriffe und stellen dann fest: Wo ist der Filter, wo ist die Qualität?
Wie sind Sie vorgegangen bei der Zusammenstellung von Freistil?
Ich wusste von beiden Seiten, dass sich sowohl die Art Directoren, genauso wie die Illustratoren oft beschweren, dass nie ein gutes Geschäft zustande kommt. Logisch, wenn es keine Brücke gibt zwischen den beiden. Mittlerweile weiß ich von den Leuten, die in dem Buch drin sind, dass sie bei Zeitschriften und Agenturen gut gebucht sind. Und beim ADC feiert man neuerdings die Rückkehr der Illustration. Manchmal fehlt einfach nur ein Tool, das die Dinge verbindet. Und für mich ist Freistil weniger eine Bibel, als wirklich ein Werkzeug.
Wo betreiben Sie Recherche und sprechen Sie Illustratoren gezielt an, die Sie gerne im Buch haben möchten oder werden Sie ohnehin mit Bewerbungen überschüttet?
Unsere Recherche und Akquise läuft ausschließlich online. Das heißt, wir schicken tausende von Mails raus an Leute die wir kennen. Oder man kriegt einen Tipp – wir laufen ja alle mit offenen Augen durch die Welt. Und nun haben wir mit dem Verlag auch diesen zweijährigen Rhythmus beschlossen. Das heißt, jeder Illustrator kann sich jetzt darauf verlassen, dass er in eineinhalb Jahren wieder Sachen einschicken kann.
Zweihundert Illustratoren sind im Buch. Wieviele Bewerbungen bekommen Sie?
Circa Fünfhundert. Und es wächst und wächst. Es gibt also auch Leute, die im zweiten Buch drin waren und jetzt nicht mehr dabei sind. Weil es diesmal wieder bessere Teilnehmer gibt.
Wer und vor allem was für Kriterien entscheiden, welche Illustratoren in Freistil abgedruckt werden?
Wir haben einen Beirat, alles sehr renommierte Leute. Und da ich selber gezeichnet habe, sind für mich so handwerkliche Fragestellungen, wie beispielsweise, ob jemand ein Auge zeichnen kann, schnell messbar. Die Kriterien sind wie überall: Ist es eine Idee und ist sie gut umgesetzt? Es gibt sicherlich auch Leute im Buch, die nicht zeichnen können, die aber wiederum so tricky in der Verwertung von anderen Dingen sind, dass das auch okay ist. Und um es ganz pathetisch zu sagen: Man sieht den Dingen an, mit wie viel Liebe sie gemacht sind, ob sich da jemand bemüht hat, etwas Neues zu finden.
Der redaktionelle Einstieg in Band Nr. 3 von Freistil widmet sich der spannenden Verquickung von Musik und Illustration. Im Bildteil ist dann deutlich erkennbar, dass – musikalisch gesagt – die Digitalisierung aller Medien auch in der Illustration zu einer Art Sampling führt: Grafik Design, Fotografie und Illustration rücken näher zusammen. Welche Einflüsse waren denn in den letzten Jahren stilistisch am stärksten bei dieser Entwicklung?
Ich würde sagen: die Straße. Street-Art, da ist für mich am meisten passiert. Da haben die Leute die Realität mit Ästhetik verknüpft, da haben sie sich gegenseitig getoppt in der Erfindung immer noch wilderer Sachen. In Berlin sieht man neuerdings als 3D gebaute Holz-Typografie rumstehen! Diese Kunst im Raum, Geschichten, wo der eine aufhört und der andere weitermacht, diese Patchwork-Kultur, das hat für mich einen ganz maßgeblichen Einfluss auf die positive Bastardisierung der Sprachen. Da ist eine Sprache entstanden, die international funktioniert. Die technische Entwicklung sehe ich gar nicht so vordergründig, so dass man sagt müsste: Es gibt jetzt eine neue Software und alles hat plötzlich runde Ecken, oder so. Das passiert eher im Grafikdesign.
Durch welche Merkmale hebt sich die Illustration gegenüber anderen Medien ab und wo liegen ihre spezifischen Qualitäten?
Jedes Bild hat ja eine Aufgabe und möchte den Betrachter zu irgendwas animieren – zur Begeisterung, zum Kopfzerbrechen, was auch immer – und dieser Aufgabe werden Fotos immer weniger gerecht, weil es da einfach zu viel Gleiches, schon gesehenes, gibt. Wenn man interessiert ist an bestimmten Dingen und für etwas Leidenschaft hat, wird man immer versuchen, etwas zu machen, was es so noch nicht gab. Und das kann ein Illustrator im Moment, glaube ich, besser als ein Fotograf.
Was für Fähigkeiten braucht ein Illustrator, außer der guten Idee dem zeichnerischen Talent, um vom Illustrieren leben zu können?
Wenn sie denn schon beides hätten! Es gibt nur leider so einen harten Schnitt durch diese Szene. Auf der einen Seite sind die Leute mit tollen Ideen und dann gibt es auf der anderen Seite diese perfekten Handwerker: Schöne Sachen, aber worum geht's da? Wenn diese beiden Dinge zusammen passen, ist das der erste große Schritt. Dann gibt es sicherlich noch so etwas wie Kontaktfreudigkeit, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit, ganz menschliche Kriterien, die eine Rolle spielen.
Vor Kurzem fand in Luzern das große Comic-Festival fumetto statt, auf dem hervorragende Zeichner ihre Arbeiten präsentierten. Sie haben selbst als Comiczeichner angefangen, bevor Sie später zur Werbung gekommen sind. Worin unterscheidet sich der Begriff Comiczeichnung von der Illustration? Wenn man es genau betrachtet, ist ein Comiczeichner ein besserer Kommunikator als ein Illustrator. Er muss nämlich die beiden Welten, Idee und Umsetzung, zusammenbringen. Also, was ist meine Geschichte, was sagt der, was sagt die und wo knallt's? Illustration dagegen heißt ja „beleuchten“, einen Sachverhalt in ein Licht setzen, damit der Leser es besser verstehen kann. Das ist ein anderer Ansatz. Für mich steht in der Hierarchie der Künste, der Comic über der Illustration – zumindest sehr oft. Deshalb bin ich ganz dankbar, dass ich das gemacht habe, weil ich es in der Werbung jetzt gebrauchen kann: Ich habe eine Geschichte und brauche Bild und Text. Das habe ich damals genauso gemacht, nur waren es eben Comics.
Das Künstlerduo Eva und Franco Mattes hat jüngst für die New Yorker Postmasters Gallery eine Ausstellung mit „Porträts“ der 13 schönsten Avatare aus der virtuellen Welt „Second Life“ zusammengestellt – eine interessante Entwicklung. Wie bewerten Sie den Einfluss von 3D Character-Design auf Illustration oder ist das gar die logische Weiterentwicklung des Mediums selbst?_
Es gibt ja 3D-Illustration schon seit hundert Jahren, das ist für mich nichts wirklich Neues. Ich glaube, da geht es eher um etwas anderes, um Rollenspiele und so weiter. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass das Illustration ist. Es gibt zwar den Einfluss dieser Technologie auf Illustration, aber diese ganze Avatar-Welt hat eigentlich erstmal noch gar nichts mit Illustration zu tun.
Raban Ruddigkeit, geboren 1968 in Leipzig, war Mitbegründer und Layouter von MESSITSCH, dem ersten, einzigen und irgendwie auch letzten Fanzine der DDR. Zwei Jahre danach war er Mitbegründer und Chefredakteur von KREUZER, aus dem sich das spätere Stadtmagazin entwickelte. 1992 erschien im Verlag Connewitzer seine Comicsammlung DES RABEN WUNDERHORN. Über den Comic gelangte Raban Ruddigkeit zur Illustration und arbeitete unter anderem als Gestalter und Illustrator für den Verlag Faber & Faber. Seit 1996 ist er in der Werbung unterwegs und arbeitete in der Branche unter anderem bei Scholz & Friends, Berlin, Jung von Matt, Offenbach und Melle.Pufe, Berlin. Seine eigene Agentur in Berlin betrieb er von 1999 bis 2002.Raban Ruddigkeit ist Mitglied des Art Director Club und gestaltete 2001 das ADC-Jahrbuch.2003 gelangte er wieder zu Jung von Matt, Offenbach/Frankfurt und ist nun seit 2005 Partner der Münchner Agentur Wächter & Wächter Identity & Design.
Das Illustratoren-Kompendium FREISTIL – Best Of European Commercial Illustration erschien erstmals 2003 und wurde im März 2007 in der 3. Auflage beim Verlag Hermann Schmidt Mainz herausgebracht. FREISTIL hat unter anderem folgende Preise gewonnen: CMYK-Award in Gold für das innovativste europäische Buchcover von EUROGRAPHIC, Bronze bei der Berliner Type 2006 und ist in diversen Publikationen wegen seiner herstellerischen Raffinessen vorgestellt worden.
www.freistil-online.com
Das Interview führte Felix Dobbert.
Porträt-Zeichnung: Christoph Hoppenbrock
Weitere Interviews mit Illustratoren die in Freistil3 vertreten sind:
Monika Aichele
Paul Graves
André Rösler